Dr. Olga Nevska, Christian Faßbender, Christian David (Moderator), Theo Jansen, Axel Fell
„Wie zufrieden sind Sie aktuell mit der Verkehrswende in der Bonner Region?“ Diese Frage stellte Moderator Christian David bevor die eigentliche Diskussion begann, dem Saalpublikum. Es sollte per Handzeichen kundtun, ob es die Situation als gut, mittel oder schlecht einschätzt. Ergebnis: Nur drei der 200 Saalgäste meldeten sich bei „gut“.
Höchst unzufrieden mit den aktuellen Verkehrswende-Maßnahmen zeigte sich in der anschließenden Diskussionsrunde Christian Faßbender. Für den Lieferverkehr werde es immer schwieriger, zeit- und kostenaufwändiger, den Kunden zu erreichen. In seinem konkreten Fall – dem Liefern tonnenschwerer Baustoffe – gäbe es zudem überhaupt keine Alternative zum Transport mit dem Schwerlastkran über die Straße. Dieses Angewiesensein auf das Auto gilt aus seiner Sicht für den Großteil des gewerblichen Verkehrs.
Dass es die Fahrer von Herrn Faßbender - wie der notwendige Kfz-Verkehr insgesamt - leichter haben würde, wenn der nicht zwingend notwendige anders als gegenwärtig stattfände, liegt auf der Hand. Die Menge der Autos insgesamt muss also reduziert und die Fortbewegung mit ihnen – wo immer möglich – durch andere Verkehrsarten ersetzt werden.
Für Axel Fell vom ADFCNRW bedeutet die Mobilitätswende zwangsläufig eine neue Zuweisung von Verkehrsflächen für die einzelnen Verkehrsträger. In den vergangenen Jahrzehnten hatte man dabei den Autoverkehr im Fokus. Damit es also überhaupt attraktiv wird, sich nicht mit dem Auto fortzubewegen, sondern mit dem Rad zu fahren oder zu Fuß zu gehen, müssen auch dafür entsprechende Flächen zur Verfügung stehen, die komfortabel und sicher sind. Alles eine Frage des Angebots.
Das meint auch Dr. Olga Nevska, CEO der Telekom MobilitySolutions. Sie berichtete, dass etwa 60 Prozent der Telekom-Mitarbeiter mit dem Auto zur Arbeit kommen, 18 Prozent mit dem ÖPNV und der Rest mit dem Fahrrad oder zu Fuß. Aus ihrer Sicht gibt es zwei Ansätze, um daran etwas zu ändern. Zum einen das Steuern der Mobilität: Damit die Berufspendler nicht alle gleichzeitig und jeweils einem eigenen Fahrzeug unterwegs sind, kann man beispielsweise zuhause zu arbeiten, später ins Büro kommen oder Fahrgemeinschaften bilden. Zum anderen das Schaffen attraktiver Angebote: Alle Mitarbeitenden haben die Möglichkeit – sowohl beruflich wie privat - zu Carsharing sowie zum Fahrrad-Leasing per Gehaltsumwandlung. Sie können über ein Elektro-Auto-Abo Fahrzeuge mieten oder ein Job Ticket nutzen. Statt einen Dienstwagen in Anspruch zu nehmen, kann in ein Arbeitszeit-Konto investiert werden, um eventuell ein Sabbatical nehmen oder früher in Rente gehen zu können.
Zwei entscheidende Faktoren für das Gelingen der Mobilitätswende sind attraktive Angebote für alle und die Art der Kommunikation, die darüber geführt wird. Es geht nicht darum, einzelne Verkehrsträger gegeneinander auszuspielen. Deshalb sollte gesamtgesellschaftlich diskutiert werden „für was sind wir“ und gemeinsam nach Lösungen gesucht werden, findet Theo Jansen vom Zukunftsnetz Mobilität NRW: „Ich glaube, dass das Problem der Mobilitätswende kein Problem der Verkehrsplanung ist. Man weiß eigentlich, was zu tun ist. Sondern es ist ein Kommunikationsproblem. Es fehlt das positive Narrativ.“ Von kommunaler Seite müsste viel stärker kommuniziert werden, dass die Verkehrswende-Maßnahmen, die ergriffen werden und zurzeit möglicherweise Chaos und Missstimmung verursachen, Voraussetzung für lebenswerte Städte und einen gestärkten Einzelhandel sind. Ebenso wichtig sei es, allen reinen Wein einzuschenken. Ehrlich zu sagen, dass weiter machen wie bisher keine Option ist und jetzt Investitionen und Maßnahmen in relativ kurzer Zeit erfolgen müssen, weil sie jahrzehntelang verschlafen wurden.
„Kann man es wirklich allen recht machen? Was ist die Lösung?“ fragte Christian David gegen Ende der Veranstaltung die Diskussionsteilnehmer. Axel Fell zeigte sich überzeugt, dass die Lösung im Schaffen adäquater Mobilitätsangebote liegt – also für jede/n zu jedem Zweck das jeweils effizienteste Verkehrsmittel. Und es sei wichtig, ergänzte Dr. Olga Nevska, die den Schlüssel zur Lösung ebenfalls in der Wahlfreiheit zwischen attraktiven Verkehrsangeboten sieht, dabei nicht alles über einen Kamm zu scheren. Die Mobilitätswende auf dem Land sehe sicherlich anders aus als in der Stadt. Christian Faßbender erklärte deutlich, nichts gegen die Mobilitätswende zu haben, plädierte aber ausdrücklich dafür, dass in der Vergangenheit Versäumtes nicht durch Umsetzung sämtlicher notwendiger Maßnahmen innerhalb von nur zwei Jahren aufgeholt werden dürfe. Theo Jansen hob die Verantwortung der Kommune hervor, ihre Haltung zu zeigen und die Diskussion mit allen und darin gemeinsam nach Lösungen zu suchen.
Einigkeit herrschte zum Abschluss der Diskussionsrunde darin, dass noch sehr viel miteinander geredet werden muss.
Sie ist nach wie vor ein brisantes Thema, das die Gemüter erhitzt und mitunter zu heftigen Streitigkeiten führt: die Bonner Verkehrssituation und die damit verbundene Frage, welchem Verkehrsteilnehmer was zugestanden wird. Was dem einen zu viel ist, ist dem anderen noch viel zu wenig. Dem einen dauert alles viel zu lange, der andere meint, dass teilweise vorschnell gehandelt würde.
Dabei sind sich die meisten beim übergeordneten Thema durchaus einig: Wir brauchen eine klimafreundlichere Mobilität und dazu müssen die Verkehrsmittel des Umweltverbundes – sprich: Fußgänger*innen, Radfahrende und ÖPNV - erheblich gestärkt werden.
Um den Umweltverbund zu stärken, ihn tatsächlich zu einer attraktiven, realistischen Alternative zu entwickeln, müssen diesem auch entsprechende Flächen zur Verfügung stehen. Öffentliche Flächen sind aber begrenzt und müssen auf sämtliche Verkehrsmittel verteilt werden. Das bedeutet innerhalb der bestehenden Strukturen, de facto erhebliche Einschränkungen für den Autoverkehr. Der floss bereits vor der Umsetzung von „Verkehrswende-Maßnahmen“ an vielen Stellen in Bonn eher zäh. Die Einrichtung von Umweltspuren und Radwegen auf Flächen, die bislang Autos zur Verfügung standen, verschlechtert diese Situation zwangsläufig.
Es hilft nicht, einzelne Verkehrsträger gegeneinander auszuspielen. Notwendig ist aber, dass alle das Unvermeidliche akzeptieren und zu bestmöglichen Lösungen zu kommen. Um Akzeptanz zu bewirken, ist es wichtig, miteinander zu sprechen und den unterschiedlichen Argumenten Raum zu geben. Für gute Lösungen kann der Blick über den eigenen Tellerrand hilfreich sein. und im besten Fall gemeinsam Vorgehensweisen zu entwickeln.
Genau das wird jetzt in Bonn versucht. Ende Oktober vergangenen Jahres trafen sich Repräsentantinnen und Repräsentanten der sechs Initiatoren der Kampagne „VORFAHRT VERNUNFT“ mit Oberbürgermeisterin Katja Dörner zu einem Gespräch über Verkehrsthemen der Stadt. Ein Ergebnis dieses Gesprächs ist, dass die Beteiligten zukünftig ihre Zusammenarbeit bei gemeinsamen Projekten verstärken wollen. „Dies könnten“ – so ist es in einer gemeinsamen Pressemitteilung von „VORFAHRT VERNUNFT“ und der Bundesstadt Bonn zu lesen – „neben dem bestehenden Pilotprojekt zu Wirtschaftsparkplätzen auch Quartiersgaragen sowie das regionale Netzwerk an Mobilstationen sein. Die Verbände möchten beim Thema Mobilstationen auf die Stadt Bonn und den Rhein-Sieg-Kreis und die dortigen Kommunen zugehen und das Gespräch zu interkommunalen Aspekten von Verkehr und Mobilität suchen.“
Und was den Blick für gute Lösungen betrifft: Im vergangenen September traten 20 Vertreter*innen von Wirtschaft, Politik, Verwaltung sowie Handels- und Mobilitätsorganisationen eine gemeinsame Studienreise nach Utrecht an. Die Stadt gilt als Vorreiterin bei moderner Innenstadtentwicklung und Mobilität. Was kann Bonn von den Erfolgen, aber auch den Herausforderungen Utrechts lernen und was könnte auf Bonn übertragen werden? Die Studienreise sollte Antworten auf diese Fragen zu finden. Wenn man den Kommentar von Stefan Hagen, Präsident der IHK Bonn/Rhein-Sieg, dazu liest, scheint das gelungen zu sein: Die Studienreise war eines der besten, wenn nicht gar das beste Format der vergangenen Jahre. Darauf können wir jetzt in der Zusammenarbeit aufbauen und konkrete Projekte in Angriff nehmen“.
Es wurde außerdem beschlossen, sich von nun an zweimal pro Jahr zu treffen, um sich über wichtige Verkehrs- und Stadtplanungsthemen auszutauschen. „Es ist ein sehr gutes Zeichen für die Zukunft unserer Stadt, dass verantwortliche Akteurinnen und Akteure von nun an auch in dieser Konstellation regelmäßig zusammenkommen wollen. Miteinander reden statt übereinander – darum geht es!“, findet sicherlich nicht nur Stefan Hagen, Präsident der IHK Bonn/Rhein-Sieg.
#WTNRW #WTB59

Christian Faßbender
Geschäftsführender Gesellschafter der Faßbender Tenten GmbH & Co. KG

Theo Jansen
Leiter der Geschäftsstelle Zukunftsnetz Mobilität NRW

Dr. Olga Nevska
CEO der Telekom MobilitySolutions

Axel Fell
Landesvorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs Landesverband Nordrhein-Westfalen e. V.

Moderation:
Christian David
Moderator, Reporter und Medientrainer