Dekarbonisierte Wirtschaft

Transformation zur Klimaneutralität

Wirtschaftstalk BONN
25.06.2025 - 19:00 Uhr, Kammermusiksaal Beethoven-Haus Bonn

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Stephan Ortolf, Wilfried Klein, Christian David (Moderation), Julia Herting

Diskussion zum Thema

Transformation zur Klimaneutralität bedeutet: Bis 2030 sollen die Treibhausgasemissionen in Deutschland um mindestens 65 % und bis 2040 um mindestens 88 % gegenüber 1990 gesenkt werden. So ist es im Bundes-Klimaschutzgesetz festgelegt. CO2-Emissionen, die durch industrielle Prozesse entstehen, müssen reduziert werden – durch eine Transformation der Produktionsprozesse, den verstärkten Einsatz erneuerbarer Energien und die Entwicklung neuer Technologien.

Das Ziel ist gesteckt, der Fahrplan steht. Aber wo stehen wir? „Kriegen wir das gewuppt oder nicht?“, fragte Christian David. Das Saalpublikum zeigte sich da eher pessimistisch. Die drei Podiumsgäste stimmten darin überein, dass in Teilbereichen – wie etwa in der Stromerzeugung - zwar bereits einiges realisiert worden sei, es aber schwierig bleibe. Zum Beispiel müsse es bei den Verbrauchern eine Bereitschaft geben, für klimafreundlichere Produkte auch höhere Preise zu zahlen.

Jeder einzelne Schritt, auch wenn er klein ist, bringt uns dem Ziel näher. Wenn in einem Unternehmen die Rechner mit Ökostrom betrieben oder verwendete Papierhandtücher zum Recycling gegeben werden, um daraus wieder neue Papierhandtücher herzustellen, wie es Stephan Ortolf über die Sparkasse KölnBonn berichtete, leistet das einen Beitrag. Der Beitrag fällt natürlich umso größer aus, je energieintensiver ein Unternehmen ist.

Selbst gestecktes Ziel der SGL Carbon ist bis 2038 netto neutral zu produzieren. „Wir haben das Ziel fest im Blick. Die Strategie ist auch klar aber die einzelnen Schritte können noch gar nicht definiert werden, weil wir technologisch und wirtschaftlich noch gar nicht so weit aufgestellt sind.“, berichtete Julia Herting. Das ist auch aus Sicht von Wilfried Klein einer der Knackpunkte der politischen Zielsetzung. Gerade für Prozesse, die schwer zu dekarbonisieren sind, existiert oft noch keine Lösung oder auch keine gesetzliche Freigabe, um gewisse Technologien in Deutschland einsetzen zu können.

Da stellt sich die Frage, was Unternehmen unter diesen Rahmenbedingungen motiviert, Geld für die Dekarbonisierung auszugeben. Verschiedene Faktoren spielen da mit rein: Nachhaltige Produkte und Produktion werden stärker nachgefragt und bewertet, Standards und gesetzliche Vorgaben sollen eingehalten werden, die Transformation wird als zwingend notwendig betrachtet und man sieht sich selbst in der Verantwortung dafür, seinen Beitrag zu leisten. Umso besser, wenn sich eine Investition in Innovation auszahlt. „Die neue Maschine, die wesentlich weniger Strom verbraucht, ist im Betrieb günstiger; vielleicht ist sie auch wartungsärmer, weil sie eine neue Art von Motor enthält usw. Es gibt viele Effekte, die auch ökonomisch attraktiv sind und gleichzeitig der Ökologie helfen.“, sagte Stephan Ortolf.

ESG, CSR, Nachweis der Lieferketten, Nachhaltigkeitsbericht, CSRD – alles Berichte, die mit der Transformation und der erforderlichen Nachhaltigkeit zunehmend an Bedeutung gewinnen, in den Unternehmen äußerst hohe Ressourcen verschlingen und insofern den immer beklagten Bürokratieaufwand noch vergrößern. Von vielen als regulatorische Last empfunden, kann Bürokratie allerdings auch zu Wettbewerbsgleichheit beitragen und Willkür vermeiden. Der Aufwand dafür müsse aber durch Vereinfachung und Verschlankung, wie sie möglicherweise durch das von der Europäischen Kommission vorgeschlagene CSRD Omnibus-Paket erreicht werden können, deutlich reduziert werden.

Welche politischen Maßnahmen würden Unternehmen darin bestärken, in klimafreundliche Technologien und Prozesse zu investieren? Nach Einschätzung der Podiumsgäste: klare politische Bekenntnisse, die über einzelne Legislaturperioden hinausgehen – also Verlässlichkeit und damit Planungssicherheit. Die Voraussetzung für das Gelingen der Transformation zur Klimaneutralität ist aber in jedem Fall, dass sie von der Gesellschaft auch getragen wird. Jeder Einzelne ist gefragt.

Oder um es mit Worten von Barack Obama zu sagen, die Christian David am Schluss der Gesprächsrunde zitierte: „Wir sind die erste Generation, die den Klimawandel spürt und die letzte Generation, die etwas dagegen tun kann.“

Einführung in das Thema

Transformation zur Klimaneutralität bedeutet: Bis 2030 sollen die Treibhausgasemissionen in Deutschland um mindestens 65 % und bis 2040 um mindestens 88 % gegenüber 1990 gesenkt werden. So ist es im Bundes-Klimaschutzgesetz festgelegt.

Sind wir auf dem richtigen Weg, um dieses Ziel zu erreichen?
Laut Agora Energiewende gab es 2024 48 % weniger Emissionen als 1990 und damit das dritte Jahr in Folge eine Reduktion. Allerdings sieht es für die einzelnen Sektoren sehr unterschiedlich aus. Im Bereich der Energiewirtschaft gibt es wegen des Abbaus der Kohleverstromung und des wesentlich gestiegenen Anteils an erneuerbaren Energien einen deutlichen CO2-Rückgang; in den Sektoren Verkehr und Gebäude ist die Lage jedoch problematisch.

Das wird vor allem auf die gesunkene Nachfrage nach klimafreundlicheren Technologien zurückgeführt. Der Absatz von Wärmepumpen ist 2024 um 44 Prozent zurückgegangen und es gab 26 Prozent weniger Neuzulassungen von E-Autos. Diese Zurückhaltung bei Investitionen dürfte ihre Ursache in der Verunsicherung bei Haushalten und Unternehmen haben. Auch im Bereich Industrie stiegen die CO2-Emissionen trotz schlechter Wirtschaftslage und geringerer Produktion an, was auf einen höheren Verbrauch fossiler Brennstoffe in energieintensiven Unternehmen zurückgeführt wird.

Es braucht Planungssicherheit und Verlässlichkeit, damit Zukunftsinvestitionen getätigt werden. Und da ist die Politik gefragt. Denn - so die Bilanz von Agora Energiewende - Klimapolitik wirkt, wenn sie konsequent umgesetzt wird. Wörtlich heißt es in deren Resumée, das zu Beginn des Jahres veröffentlicht wurde: "Eine strategisch kluge und sozial ausgewogene Klimapolitik ist als Schlüssel für Stabilität und Resilienz wichtiger denn je. Zentral sind günstigere Strompreise durch niedrigere Netzentgelte und eine Senkung der Stromsteuer. Steuerliche Anreize, Klimaschutzverträge und grüne Leitmärkte geben der Wirtschaft Innovationsimpulse. Im Gebäudesektor sind Kontinuität und eine sozial gestaffelte Forderung entscheidend. Eine Anpassung der Schuldenregel und ein Zukunftspakt zwischen Bund, Ländern und Kommunen sichern die Finanzierung."

Beim Wirtschaftstalk BONN wollen wir darüber diskutieren, ob die Vereinbarungen, die im Koalitionsvertrag getroffen wurden, ausreichend sind und wie sie sich auf die Wirtschaft auswirken werden.

#WTNRW #WTB63

Die Diskussionsrunde:

Wilfried Klein

Wilfried Klein
Director Net Zero Infrastructure & Clusters Europe von LyondellBasell

Julia Herting

Julia Herting
Senior Director & Site Manager Bonn der SGL Carbon SE

Stephan Ortolf

Stephan Ortolf
Vorstand für Firmenkunden, Institutionelle Kunden und Treasury der Sparkasse KölnBonn

Christian David

Moderation:
Christian David
Moderator, Reporter und Medientrainer


Ideeller Träger
Sparkasse KölnBonn Industrie- und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg
Unterstützer
Rhein-Sieg-Kreis