Attraktiv & Werthaft

Herausforderung Standortansiedelung

Wirtschaftstalk RHEIN-SIEG
06.05.2025 - 19:00 Uhr, Stadtmuseum Siegburg

Attraktiv & Werthaft - Herausforderung Standortansiedelung - Wirtschaftstalk RHEIN-SIEG

Rafael Reiser, Dr. Wolfgang Haensch, Nathalie Bergdoll (Moderation), Björn Franken MdL

Diskussion zum Thema

Thema des Wirtschaftstalk RHEIN-SIEG war die Standortentwicklung in Deutschland. Was macht einen Standort attraktiv für Unternehmen und welche Faktoren stehen einer Ansiedlung womöglich im Wege?
Sehr schnell wurde deutlich, dass stabile politische Rahmenbedingungen und Verlässlichkeit die bedeutendsten Faktoren sind. Wenn Unternehmen darauf nicht vertrauen können, tätigen sie verständlicherweise keine großen Investitionen. Weitere wichtige Punkte: Kosten, Bürokratie und Flächennutzung.

Bei den Kosten sind es insbesondere die, wie Rafael Reiser meinte, "absurd hohen Energiekosten", die es vor allem energieintensiven Unternehmen in Deutschland unmöglich machen, international wettbewerbsfähig zu sein. "Schon ein Cent Preisunterschied beim Strom bedeutet für unser Unternehmen Mehrkosten von zwei Millionen Euro." Auch für die immer wieder beklagte Bürokratie führte er ein sehr anschauliches Beipiel an. Am Standort Lülsdorf wurde das vorhandene Unternehmen, das eine Werksfeuerwehr und eine Einsatzleitwarte hatte, rein rechtlich in zwei Firmenteile getrennt. Eine Änderung erfolgte also wohlbemerkt lediglich auf dem Papier. Gemäß existierender Vorschriften musste aber für die "zweite" Firma eine weitere Einsatzleitwarte eingesetzt werden - Kostenpunkt 1,2 Mio Euro.

Warum werden solche Vorschriften denn nicht einfach abgeschafft, geändert oder "flexibler" gehandhabt? Warum wird alles geregelt und mit hohem Ressourcenaufwand dokumentiert? Björn Franken sieht den Grund dafür in einer wohl typisch deutschen Eigenschaft: der Angst vor der Haftung. Denn "wenn etwas passiert, wird sofort nach dem Schuldigen gesucht. Also wird dokumentiert, um sich abzusichern." Um daran grundsätzlich etwas zu ändern, sei eine Art Schulterschluss aller Beteiligter notwendig; also die gemeinschaftliche Übernahme der Verantwortung für eine konkrete, pragmatische Entscheidung. Ein weiterer Ansatz bestünde in der Einführung eines Bestandsschutzes für bereits Bewährtes. Als Beispiel nannte er Martins- und Karnevalszüge. Wenn die bereits zweimal erfolgreich durchgeführt wurden, sich an den Verantwortlichkeiten nichts geändert habe, sei es doch überflüssig, beim dritten Mal wieder das komplette Genehmigungsverfahren durchlaufen zu müssen.

Zum dritten wichtigen Punkt bezüglich der Standortansiedlung, den vorhandenen Flächen, äußerte Dr. Wolfgang Haensch: "Wenn keine ausreichenden Flächenreserven mehr vorhanden sind, muss der Fokus viel stärker auf das gehen, was schon da ist; also Bestandsentwicklung oder auch Reaktivierung von Brachflächen." Es reiche heute auch nicht mehr, einfach nur eine Fläche anzubieten, sondern es gehe um das Gesamtpaket, das den Aussschlag für die Ansiedlung gebe: "Gute Erreichbarkeit ist wichtig, ÖPNV, Infrastruktur, Kinderbetreuung oder auch eine gute Kantine." Viel verlangt und gerade für kleinere Gemeinden kaum machbar. An der Stelle kommt die Vernetzung ins Spiel. Wie Rafael Reiser betonte: "Man muss sich zusammentun - mit den Behörden reden, den Handwerkern und Vereinen vor Ort - die Bedarfe bündeln, gemeinsam auftreten, Kooperationen bilden."

Mehr Mut bei Politik und Verwaltung, mehr Optimismus bei Unternehmen und Kommunen - das wünschten sich die Diskussionsteilnehmer. Und um dies zu erreichen braucht es einen grundlegenden Wandel im Denken, Bürokratieabbau nicht nur als Schlagwort, sondern als echtes Ziel eventuell auch mit Anreizen sowie Stabilität und Verlässlichkeit, weniger Perfektionismus und mehr Pragmatismus.

Einführung in das Thema

Die Region Bonn/Rhein-Sieg zählt zu den attraktivsten Wachstumsregionen in Deutschland. Seit dem Regierungsumzug von Bonn nach Berlin hat sie sich vollkommen neu orientiert und entwickelt, kann auf zahlreiche zusätzlich geschaffene Arbeitsplätze und einen Bevölkerungszuwachs von rund 140.000 Menschen verweisen. Heute leben hier über 940.000 Menschen und hat die Zahl der IHK-Unternehmen um fast 50 Prozent zugenommen. In Bezug auf die Einwohnerzahl ist der Rhein-Sieg-Kreis der drittgrößte Landkreis Deutschlands.

Mit fünf Hochschulen, dem Fraunhofer-Institutszentrum Birlinghoven, drei Max-Planck-Instituten, dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), dem Forschungszentrum caesar und dem Wissenschaftszentrum Bonn, um nur einige zu nennen, hat sich die Region zu einem bedeutenden Forschungs- und Wissenschaftsstandort entwickelt.

Bedeutendster Wirtschaftsfaktor in der Region Bonn/Rhein-Sieg ist mit über 80 Prozent aller Unternehmen der Mittelstand. Die Branchenstruktur ist insgesamt durch den Dienstleistungssektor bestimmt; hier sind 82 Prozent aller Beschäftigten tätig. Hervorzuheben sind insbesondere die Informations- und Telekommunikationsbranche, die Logistikbranche und andere produktionsnahe Dienstleister. Im Produzierenden Gewerbe sind die Kunststoffindustrie, der Maschinenbau und die Automobil-Zulieferer die Leitbranchen.

Auch geographische Lage, Infrastruktur und vielfältige Möglichkeiten zu Freizeitgestaltung und Erholung sind Faktoren, mit denen der Rhein-Sieg-Kreis als Standort für die Ansiedlung von Unternehmen punkten kann. Aber es gibt auch Faktoren, die im Jahr 2022 von befragten IHK-Mitgliedsunternehmen als problematisch beurteilt wurden - etwa die Dauer von Genehmigungs- und Antragsverfahren, die Höhe der Energiekosten, die unzureichende Digitalisierung der Verwaltung, die Höhe der Gewerbe- und Grundsteuer und die Verfügbarkeit von Fachkräften und Wohnraum.

Beim Wirtschaftstalk RHEIN-SIEG am 6. Mai wollen wir darüber reden, wie die aktuelle Lage ist.

#WTNRW #WTRS3

Die Diskussionsrunde:

Björn Franken MdL

Björn Franken MdL
Beauftragter der CDU-Landtagsfraktion NRW für Industrie und produzierendes, mittelständisches Gewerbe

Rafael Reiser

Rafael Reiser
Geschäftsführer der Lülsdorf Functional Solutions GmbH

Dr. Wolfgang Haensch

Dr. Wolfgang Haensch
Partner & Büroleiter Köln der CIMA Beratung + Management GmbH

Nathalie Bergdoll

Moderation:
Nathalie Bergdoll
Moderatorin, Schauspielerin und Journalistin


Ideeller Träger
Industrie- und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg
Unterstützer
Rhein-Sieg-Kreis